Beim Lindkogeltrail: Schaut nach Osten

Der Lindkogel Trail vor den Toren Wiens gab es in diesem Jahr zum zehnten Mal, und er war – vollkommen zu Recht! - ausverkauft.

(Egon Theiner) Am Tag danach riecht die Wohnung wie eine Arnikawiese, ich denke an die Alpen und, während ich durch die Zimmer humple, daran, dass ich doch viel lieber dort unterwegs bin als beim Lindkogel Trail. Die zehnte Auflage war sensationell organisiert, doch die leere Tube einer Salbe, die ich auf beiden Beinen zwischen Achillesferse und Oberschenkel verrieben habe, zeugt davon, dass ich besser nicht dabei hätte sein sollen.

Aber der Reihe nach.

Der Lindkogeltrail stand auf keiner to-do, Bucket oder Wish-List, das Terrain dort suche ich zudem höchst selten für einen Trainingslauf auf. Dass ich dann den angebotenen Startplatz von Manuela Rabong übernahm, hatte drei Gründe: die Freundlichkeit der Lauffreundin, diesen mir anzubieten; die Freundlichkeit von deren Trainer Gerhard Schiemer, der sie zu schnell und einfach davonkommen ließ (Er hätte auch sagen können: „Verletzt? Melde dich doch einfach vom Ultra auf eine kürzere Distanz um!“); und letztlich meine Einstellung, dass man Ultras vor der Haustür, nachhaltige somit, schon einmal gelaufen sein sollte.

Also stehe ich an der Startlinie, treffe ULT Heustadlwasser-Vereinskollegen wie Andre Kipper, Peter Rabong, Bruce Jackson und Wienerwaldschnecke Marianne Pfeiler-Opitz („ein Fuffi geht immer“, ein Fünfziger geht immer), mache mit meinem LAUF ALTER-T-Shirt Werbung für Tom Rottenbergs und meinen Podcast, plaudere mit einem, der im Ruderleibchen vor mir steht (von wegen kurz-kurz, das ist ganz kurz-kurz) und frage ihn, ob er aus Norwegen komme. „Nein, aus Schottland.“

Der Lauf geht los, alle anderen sind gleich mal weg. Ich kenne meinen aktuellen Trainingszustand, will unter zehn Stunden blieben und mache aus der sportlichen Übung eine mathematische Aufgabe. 55 Kilometer á 10 Minuten sind 550 Minuten, also 9 Stunden 10 Minuten, und ein bisschen Puffer wäre da auch noch.

Das letzte Mal bin ich 50 Kilometer am Stück beim TDS Ende August 2025 gelaufen, die Hälfte davon mit zwei gebrochenen Rippen. Das letzte Mal 35 Kilometer am Stück bin ich beim wunderbaren Trail del Cinghiale Ende Oktober 2025 gelaufen, und alle in angetrunkenem Zustand. Das letzte Mal zehn Kilometer auf Trails war ich in der Woche vor dem Lindkogel Trail mit der Trail-Community von „Streets 2 Peaks“ ebendort unterwegs. Mein Trainingszustand für meinen ersten Ultra 2026 war nicht: schlecht - er war inexistent.

Aber Ausreden sind was für Verlierer hat Arne Slot, Trainer des FC Liverpool, vor rund einem Jahr gesagt, Ausreden brauche ich keine suchen: Auf das Podest schaffe ich es als Dritter – von hinten. Die Platzierung ist mir einerlei, dass ich die 55 km und rund 2300 Hm nicht unter zehn Stunden geschafft habe, wurmt ein bisschen. Ein Hungerast nach drei Viertel der Strecke, körperliche Probleme auf den letzten fünf, acht Kilometern verhindern eine „bessere Zeit“ (jetzt muss ich selber auch lachen). Aber ganz ehrlich – wenn ich einen Lauf so anlege, wie ich es getan habe: Wo liegt der Unterschied zwischen 9:59 und 10:09 Stunden? Machen diese zehn Minuten meine Leistung wertvoller und mein Leben wichtiger?!

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, deswegen mag ich den Lindkogel Ultra Trail auch nicht absolut bewerten. Klar ist, dass die Veranstaltung perfekt organisiert war, auch die Aller-Letzten fanden an den Laben das volle Angebot – Wasser, Iso und Cola, Nüsse, Bretzel und Salz, Bananen und Wassermelonen. Die Streckenmarkierung war mehr als ausreichend, die Helfer und Ordnungskräfte harrten bis zu den Letzten aus: auch an dieser Stelle, danke für all die Bemühungen! Der Asphalt- und Forststraßenanteil kam mir indes recht, sagen wir: großzügig vor, doch ich weiß auch, dass die Routenführung mit Genehmigungen der Grundbesitzer und logistischen Gegebenheiten zu tun haben. Trotzdem, rein subjektiv: schön ist anders.

Im Ziel warten Manuela und Peter auf mich, eine Geste, die ich sehr zu schätzen weiß. „Wenn du auch nächstes Jahr einen Startplatz hast und nicht läufst – such‘ dir jemanden anderen!“, sage ich ihr grinsend. Allen Veranstaltern, die mich auf ihren Startlisten finden, möchte ich mit einem „Herr der Ringe“-Zitat ausrichten: „Erwartet mein Kommen beim ersten Licht des fünften Tages. Bei Sonnenaufgang, schaut nach Osten.“

Zurück zu Trailrun