Metapher aus Laufen und Salz
(Tom Rottenberg) Der „Dead Sea Marathon” am Toten Meer ist ein harter, aber wunderschöner Lauf in einer einzigartigen, pittoresken Landschaft.
Manche Fehler macht man öfter. Auch, wenn man andere seit Jahren vor ihnen warnt: Den Satz „Für Sekunden, die du am Anfang gewinnst, zahlst du am Schluss in Minuten” kennt, wer je einen Marathon gelaufen ist - oder sich nur annähernd ernsthaft mit dem Training dafür auseinandergesetzt hat.
Und auf einen „Ultra” - also einen Lauf, der über die ohnehin und in jeder Zeit schon mehr als respektable Distanz von 42,2 Kilometern hinaus geht, lässt sich (hoffentlich) niemand ohne Marathonerfahrung ein.
Trotzdem galt am Toten Meer für mich dann Anfang Februar 2026 „Learning by Einfahring”. Eben weil man manche Fehler eben öfter macht: Der 50-Kilometer-Bewerb beim „Dead Sea Marathon” war zwar mein erster „Ultra” - aber ganz unerfahren bin ich beim Langstreckenlauf eher nicht: Mehr als ein Dutzend Marathons auf der ganzen Welt, ein paar ganze und halbe Ironmänner, diverse „Swimrun”-Marathons (man wechselt dabei immer wieder zwischen Lauf und Schwimmen, hat aber alle Ausrüstung immer wie bei Trailbewerben bei sich), etliche lange Trailbewerbe - und jahrelanges Betreuen von Laufgruppen: Einen vermeintlichen „Anfängerfehler” sollte ich eigentlich vermeiden können. Eigentlich. Sollte …
Aber - Achtung, Spoiler: Das Erlebnis, dieser Traumlauf in einer einzigartigen Landschaft und einem unvergleichlichen, einmaligen Setting, war den Fehler mehr als wert. Weil man von Läufen anderswo immer mehr als Medaille, Finisher-Zeit und -Shirt mit nach Hause bringt. Im Allgemeinen, egal wo auf der Welt. Und hier, beim „Dead Sea Marathon” ganz besonders.
Aber der Reihe nach: Am Toten Meer ist Laufen auf 1000 Arten anders als daheim. Die 430 Meter unter Meeres-Null - den tiefsten (oberirdischen) Ort der Welt - spürt man bei jedem Schritt. Nicht nur, weil es wärmer als daheim ist: In Wien, daheim, war diesen Winter ja tatsächlich doch endlich wieder einmal Winter: Die Alte und die Neue Donau zugefroren: Von „kalt, glatt und rutschig” ging es praktisch ohne Adaptionszeit auf die bockharten, unruhigen normalerweise nur für schwere Bagger und LKW geöffneten Deiche quer durch das salzigstes Meer der Welt (der Salzgehalt ist etwa zehn Mal so hoch wie im Atlantik) - bei 28 Grad. Von „meist allein durch die triste Rekord-Nebelsuppe des Wiener Winters” in einen fröhliche, bunte Laufparty mit über 8000 Teilnehmern (man kann hier ja auch „nur” 5, 10 oder 15 Kilometer, einen Halb- oder Vollmarathon laufen) bei strahlendem Sonnenschein, das vom Wasser noch reflektiert wird.
Die im Winternebel irgendwann doch eintönig-tristen, vor allem aber gewohnte Treppelweglandschaft der Wiener Donauinsel und des Donaukanals wird von einer spektakulären, komplett anderen Kulisse abgelöst: vorne die glitzernd-gleißend-spiegelnde Salz-Wasserfläche mit ihren pittoresk daraus wachsenden „Salzpilzen”. Am Horizont die 1500 Meter hohen Berge der judäischen und jordanischen Wüste. Im Kopf (aber auch gleich hinterm Horizont) Geschichte: Religionsgeschichte. Zivilisationsgeschichte. Wirtschaftsgeschichte - also Weltpolitik: Seit Jahrtausenden kreuzen sich in dieser Gegend die Karawanen- und Wirtschaftswege: Früher kamen Gewürze, Sklaven oder Seide aus Afrika, China und dem arabischen Raum, heute geht es um Öl und die Schifffahrtsroute durch den Suezkanal. Religion kommt dazu - aber bei Glaubenskriegen ging und geht es immer auch um mehr.
Aber ich schweife ab. Beim langen Laufen ist das normal: Wenn die Beine ihren Rhythmus gefunden haben, beginnt der Kopf zu arbeiten. Sucht sich Geschichten - auch, um sich abzulenken. Ab und zu muss man den Kopf dann aber wieder selbst einfangen. Zurück zum Kernthema kommen. Fokussieren. Aufs Laufen am Toten Meer.
Oben die Sonne: Sie blitzte um sieben erstmals über die Bergketten. Start war um halb sieben - bei 16 Grad. Angenehm - aber bald darauf hat es 28 Grad. Im Februar. Es ist wechselhaft windig - aber der Wind aus der Wüste kühlt nicht. Weht er sanft, legt sich feiner Salzstaub in jede Pore. Bläst er stärker, wird draus ein Salzsturm-Peeling. Ja, Salz - mit nur ganz wenig Sand: Salz ist hier Grundlage, Fundament - im Wortsinn. Die Deiche sind fast durchgehend aus Salz. Von LKW und Baggerketten betonhart gepresst, aber uneben, rissig und brüchig. Wie grobes Kopfsteinpflaster - aber meist unregelmäßig. Oder pudrig, wie Pulverschnee. Besonders dort, wo man durch schmale, lange Täler läuft: Flankiert von Wällen aus losem Salz. Kilometerweit. Knöcheltief liegt es auf dem Weg - durchsetzt mit (unsichtbaren) massiven (natürlich: Salz-)Blöcken. Bretteleben - aber alles andere als leichter, oder gar schneller Boden.
Wer, bitte, ist so irre, hier zu laufen? Noch dazu einen „Ultra” – also mehr als die vom Gros der Hobbyläufer schon in „zivilen” Settings meist für extrem gehaltene Marathondistanz? Und: Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier, in Israel? Als wäre das Massaker der Hamas vom 7. September 2023 und der dadurch ausgelöste Gaza-Krieg nicht Grund genug, die Region zu meiden, kommt seit der brutalen Niederschlagung der Proteste im Iran im Jänner lautes amerikanisch-iranisches Säbelrasseln hinzu. Egal, wer da zuerst (wieder) schießt, egal, wer dann mit dem Finger auf wen zeigt: In Israel - ganz allgemein: in dieser Weltgegend – will man da eher nicht sein.
Aber: Hier leben Menschen. Ganz normale Menschen. Menschen mit normalen Leben, mit Familien, Hobbys - und Träumen. Neben dem Großen, „irgendwann Normalität” leben zu können, gibt es auch Kleinere. An die klammert man sich dann umso mehr. „Laufen hilft dabei”, sagt Sharon - und seufzt. Soweit man bei einer 5´40”er-Pace nach 20 Kilometern auf einer bockenden Salzpiste seufzen kann: Die 38-jährige Lehrerin aus Tel Aviv hatte sich mit dem 50-jährigen Lev (irgendwas mit IT…) schon bei Kilometer sechs an mich angehängt. „Ist das ok für dich?” hatte Lev gefragt. Klar. Gemeinsam läuft es sich auch nicht-kompetitiv leichter. Da kann man plaudern. Über die Welt. Über Israel und seine Nachbarn. Über Angst und Hoffnung. Über das Gefühl der Ausweglosigkeit - und das Ventil: Laufen.
Dabei, und beim Bestaunen der Landschaft, vergisst man die Uhr: Eigentlich wollten wir schnellstenfalls sechs Minuten pro Kilometer laufen. Eigentlich … Sharon und Lev liefen „nur” den Marathon. Bei Kilometer 33 trennten sich unsere Wege. Aber bis dahin hatte ich - abgelenkt von 1000 Gesprächen und Eindrücken und weil es ja soooo gut lief – keinen einzigen Anfängerfehler ausgelassen: Zu schnell unterwegs. Zu wenig getrunken. Zweimal aufs Gel-Reindrücken vergessen. Vor lauter Salz rund um mich, keine einzige Salztablette zu mir genommen. Die weggeschwitzte Sonnencreme (bei mir: Faktor 100) nicht nachgeschmiert … Ab Kilometer 40 lernte ich dann – wieder einmal - auf die harte Tour (und auf den letzten fünf Kilometern mitunter gehend): „Was du am Anfang in Sekunden gewinnst …”.
Auch, weil „Ultra” irgendwann einsam wird. Auch hier: Von den 8000 Startern (fast die Hälfte: Starterinnen) des - Monate im Voraus ausverkauften – „Dead Sea Marathons” liefen gerade 280 die 50 Kilometer. 714 Teilnehmer waren keine Israelis - aber oft an Shirts oder Nationalfarben „zuordenbar”. Als wir etwa bei der Halbmarathon-Wendemarke eine Russin trafen, die plaudernd neben einer Frau aus der Ukraine lief, wies mich Lev ausdrücklich auf die beiden hin. „So sieht Hoffnung aus”, sagte Sharon, „irgendwann schaffen auch wir das. Hoffentlich.”
Service & Compliance
Tom Rottenberg wollte seinen ersten Ultra zwischen 5:10 und 5:20 laufen. Es wurden exakt 5.36.00 draus, das ist der 158. Platz. Er ist trotzdem superhappy. Zum Vergleich: Der schnellste Mann - Fanta Gizachew - brauchte 3:08.36, die schnellste Frau – Bracha Deutsch – 3:25:53.
Der 8. Dead Sea Marathon findet am 5. Februar 2026 statt.
Die Reise und die Teilnahme am Lauf waren eine Einladung des israelischen Tourismusministeriums.

